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Die Vogelspinne - eine Abenteuerreise von Laos nach Kambodscha (von Herbert Eder)
Wir haben uns nun doch entschlossen den schwierigen und wenig dokumentierten Grenzübergang von Laos nach Kambodscha zu versuchen. Nach Beschreibungen und Erzählungen fiel es uns - das heißt unseren Freunden Harry und Petra, Anna und mir, sowie unserem Sohn Mauricio (gerade 2 ½ Jahre alt) nicht gerade leicht diese Route zu nehmen. Wir hörten von Straßenräubern und Flusspiraten, übriggebliebenen Militärs aus der Polpott-Zeit, frustrierten Grenzpolizisten am Ende der Welt, von Bestechung und Korruption.
Jedoch der einfache und sichere Weg wäre zu zeitaufwendig, gewesen, verbunden mit einer langen Busfahrt zurück in die Hauptstadt von Laos um von dort per Flugzeug nach Kambodscha zu gelangen. Wir wollten es einfach probieren.
Es regnet in Strömen als wir mit einer Motorrikscha das Hotel verlassen um zum Busbahnhof zu gelangen. Es ist eine enge und unbequeme Angelegenheit. Ein Motorrad mit Ladefläche und einem Dach, dessen Höhe an laotische Verhältnisse und nicht an unsere Körpergröße angepasst ist. Über eine Stunde fahren wir zusammengedrängt und gebückt auf einer schmalen Holzbank kauernd aus der Stadt hinaus. Endlich angekommen, trauen wir unseren Augen nicht . Was man hier im Süden von Laos unter einem Busbahnhof versteht ist sensationell. Vor uns liegt ein großes Areal das im Morast erstickt. Umgeben von windschiefen Hütten aus Wellblech , Brettern und Pappe die als Restaurants, Geschäfte und Imbisstuben für das leibliche Wohl der Passagiere sorgen. Schon das Aussteigen aus der Rikscha wird zur Tortur. Harry, der es als erster versucht landet mit beiden Füßen im Dreck. Braune, grausige Sauce aus Lehm und Exkrementen rinnt ihm hinter die Schuhe. Sein Gesichtsausdruck wird zur nicht gerade freundlich grinsenden Grimasse. Wir können das Lachen nicht verbergen, was ihn um so fröhlicher stimmt. Doch uns geht es nicht besser, denn auch wir müssen raus, um Rucksäcke und Sohn Mauricio auszuladen, und um uns nach einem Bus an die Kambodschanische Grenze umzusehen. So stehen wir fünf bei sintflutartigem Regen im ekelerregenden Dreck.
Triefend vor Nässe und dem Geschmack von Urin
der uns umgibt halten wir Ausschau nach einem trockenen Unterstand . Schwieriger noch wird die Fragerei nach einem Bus in Richtung Süden. Ticketverkauf oder Auskunft gibt es hier nicht. Die Verständigung ist schlecht und unsere Reiseroute scheint nicht sehr frequentiert zu sein. Endlich schaffen wir es eine Auskunft zu bekommen und schon ist die nächste Katastrophe vorprogrammiert. Der einzige Bus in unsere Richtung nach Süden steht wie ein vergammelter Schrotthaufen einsam und verlassen im Schlamm und soll in Kürze starten. Über und über verdreckt und total durchnässt waten wir durch knöcheltiefe Scheiße zum "Autobus". Schon beim Einsteigen und einer weiteren genauen Inspektion wird für uns das Gefährt zu einem fahrbaren Wunder. Die Karosserie ist aus Holz wie auch der Einstieg. Das Dach hat noch einiges an Blech zu bieten - wenn auch verrostet. Dort wo es fehlt regnet es in kleinen Bächen herein. Prompt landet Petra beim hinsetzen in einem mit Wasser vollgesaugten Schwamm. Wie von einer Hummel gestochen springt sie wieder auf. Doch eine Ausweichmöglichkeit gibt es nicht. Der Schwamm ist die Bank und deren Plastiküberzug fehlt sicher schon seit Jahren. Mauricio scheint das alles zu Gefallen, und Anna sucht noch immer eine irgendwie trockene Ecke. Ich habe keine Zeit zum Überlegen - bin noch viel zu sehr mit den Filmen beschäftigt. Die Tür des Busses ist an einem Strick befestigt der am Holzboden angenagelt ist. Die Haltestange unterm Blechdach hängt am sprichwörtlich "seidenen Faden". Der Ausblick durchs Führerhaus und am Motor vorbei ist grandios. Die Sitzbänke sind eng und total verrostet, der Holzboden ist lose, wackelig und an einigen Stellen morsch und vollkommen durchnässt. So sitzen wir laotisch bequem und warten auf die Abfahrt um 10.05 ! Denn eines muss gesagt sein, die Abfahrtszeit wird eingehalten.
Ein unglaublicher Knall lässt den Wrackbus erzittern, der Holzboden ächzt, die wenigen vorhandenen Fenster klirren und alles Blech über uns erzittert. Eingehüllt in einer dicken Rauchwolke aus einem nicht vorhandenen Auspuff, starten wir ins Ungewisse. Die Räder drehen durch und der Schlamm spritzt nach allen Richtungen wie auch durch die Bodenlöcher mitten in unser Gesicht. Die Scheiße ist perfekt, aber daran haben wir uns inzwischen gewöhnt. Von nun an macht es uns Spaß, wir rucken vor, rucken zurück und bewegen uns mit einer Irrsinnsgeschwindigkeit - ca. 5 km/h - der Hauptstraße entgegen. Wir verlassen die letzten armseligen Hütten am Rande der Stadt. Hügelige mit dichtem Dschungel bewachsene Landschaft geht über in eine weite dem Mekong folgende Ebene. Immer wieder steigen Einheimische zu, auf dem Weg vom-oder zum Markt. Säckeweise werden Gemüse, Obst und anderes am Dach und am Gang verladen. Es wird enger, stickiger und der Gestank nicht besser, da auch Haustiere mit auf die Reise gehen.
Links und rechts von uns weite Überschwemmungsgebiete die sich alljährlich in der Regenzeit bilden. Eine natürliche Bewässerung für die Reisfelder die uns immer wieder in Erstaunen versetzen. Das Glitzern des Wassers und das saftige grün des Reises, der je nach Regen, Sonneneinstrahlung und Wind immer wieder die Schattierungen verändert. Begleitet uns die nächsten Stunden in den Reisfeldern tauchen immer wieder die gelben Strohhüte der Bauern auf die bis zu den Knien im Wasser stehend und bei jeder Witterung der Arbeit nachgehen.
Unsere Fahrt verläuft nach hiesigen Verhältnissen ruhig. An den Krawall des Motors, das klappern des Fahrgestells, das rumpeln und schütteln haben wir uns längst gewöhnt. Mauricio schläft. Nicht mehr weit von der Grenze entfernt, steigen wir aus um noch die Mekong-Wasserfälle zu besuchen. Der Regen hört so schlagartig auf wie er gekommen ist. Eine Rikscha bringt uns die 2 bis 3 Kilometer zu einer Aussichtsplattform hin. Es ist ein grandioser Anblick, wie sich die Wassermassen zwischen riesigen Felsen hindurch ihren Weg suchen. Durch die Kraft der herunterstürzenden Gewalten steigen Nebel auf und tauchen das Naturschauspiel in eine geisterhafte Kulisse. Keinesfalls zu vergleichen mit den großen Wasserfällen wie Iguazu, Niagara oder Viktoria und doch sehr interessant. Gerade hier hat der Mekong die französischen Eroberer, die einen Handelsweg über den Fluss von Vietnam nach China suchten, zur Aufgabe gezwungen. So einfach wäre es gewesen, vom Pazifik durch Vietnam, Kambodscha und Laos nach China zu segeln, wären nicht das Gefälle und die unüberwindbaren riesigen Gesteinsbrocken das einzige große Hindernis auf der gesamten Länge. Wir halten uns nicht sehr lange in dieser beschaulichen Abgeschiedenheit mit dem Getose der Wassermassen auf, da die Zeit drängt.
Die Rikscha bringt uns zur Straße zurück aber keinen Meter weiter, warum werden wir nie erfahren. In der Mittagshitze stehen wir am Straßenrand, verstaubt und verschwitzt und warten auf etwas Fahrbares, dass uns die letzten ungefähr 30km zur Grenze bringen soll. Die Minuten kommen uns vor wie eine Ewigkeit, wissen wir doch, dass es in den beiden Grenzorten, weder auf der laotischen noch auf der kambodschanischen Seite des Mekong eine Übernachtungsmöglichkeit gibt. Außerdem beunruhigt uns die Tatsache, dass wir keine Ahnung haben wie die Grenzposten reagieren werden. Zu lesen gab es wenig über diese Tour, da noch nicht viele Abenteurer diese Route genommen haben. Mauricio unser Sohn - ist wahrscheinlich mit seinen 2 ½ Jahren das erste Europäische Kind, dass über diese Grenze kommt. Sicher ist nur, dass die nächste Stadt ab der Grenze noch eine -2-stündige Bootsfahrt den Mekong hinunter entfernt ist. Eine Bootsfahrt durch eine Gegend die von Flusspiraten und verstreuten Militärs aus der Polpottzeit kontrolliert wird. So gesehen liegt noch einiges an Überraschungen vor uns. Ein Auto taucht in eine dicke Staubwolke gehüllt, am Horizont auf und kommt schleppend näher.
Hoffnung keimt ins uns auf, denn die Zeit vergeht verflucht schnell. Ein gebrechlicher Kleinbus ist es der dann auch vor uns hält. Wir laden unser Gepäck ein und sind froh endlich weiter zukommen. An den letzten schäbigen Hütten vorbei, tauchen wir bald darauf in den Dschungel ein. Doch nur wenige hundert Meter, bevor sich die Strasse im unübersichtlichem Dickicht verläuft. Es ist das Ende des Laotischen Straßennetzes, und unser Fahrer biegt scharf nach rechts ab. Es geht hinein in einen Dschungelpfad den wir nicht sehen konnten, so klein ist das Loch im Dickicht. Ein haarsträubender Trampelpfad liegt vor uns. Das Licht ist schummrig, da kein Sonnenstrahl mehr durchs Blätterdach dringt. Unser Puls steigt, es ist totenstill und jeder von uns konzentriert sich auf das nun Kommende. Mit den Gedanken irgendwo bricht urplötzlich ein schwarzes Ungetüm aus dem Unterholz hervor. Der Fahrer stemmt sich gegen die Bremse, uns wirft es nach vorne, Schlamm spritzt nach allen Seiten, der Motor gibt den Geist auf, plötzlich ist es sehr, sehr ruhig.
Ein Wasserbüffel mit seinem riesigen Schädel und den gewaltigen Hörnern schaut uns saublöd durch die Windschutzscheibe hindurch an. Er gibt den Weg - Gott sei Dank - schon bald wieder frei. Nach mehreren Startversuchen springt auch der Motor stotternd wieder an. Die Rumpel und Schüttelpartie geht weiter, die Zeit vergeht. Noch eine Kurve, der Dschungel lichtet sich und wie ein Fremdkörper versperrt uns ein Schlagbaum den Weg. Ein mulmiges Gefühl schleicht sich bei uns ein. Rechts auf einem kleinen Hügel steht eine Bretterbude mit dem laotischen Wappen - der Grenzposten. Vor uns, nicht weit hinter dem Schlagbaum liegt ein kleines, vergessenes, armseliges Nest mit den ersten Leuten seit mehreren Stunden. Dahinter fließt braun und träge der Mekong. Am anderen Ufer muss also Kambodscha sein. Harry und ich steigen zur Hütte hinauf in der zwei Zöllner in Zivil, und einem Lächeln um den Mund auf uns warten. Zu erklären gibt es nichts, da sie ja ohnehin wissen was Sache ist. Sie geben uns Ausreiseformulare die wir ausfüllen. Währenddessen werden gemütlich unsere Pässe studiert.
Sie knöpfen uns fünf US-Dollar ab
und hauen uns den Ausreisestempel, sowie einen Ungültigkeitsstempel für das Laotische Visa mit lautem Knall hinein. Sie sagen uns, das war's, und dann immer noch lächelnd, für uns aber hochinterrasant: Auf der anderen Seite, sie zeigen nach drüben - kommt ihr nicht so billig davon. Na gut, denken wir uns, wir werden ja sehen. Wir verabschieden uns und steigen in den Bus, der uns die wenigen Meter zu den am Fluss klebenden Hütten bringt. Wir laden unter den Misstrauischen Blicken der Bewohner, die wahrscheinlich nur vom Schmuggel leben, unsere Rucksäcke aus. In einer spektakulär auf den Mekong hinaus gebauten Kneipe, mit einem Bretterboden, durch den hindurch wir die Ratten huschen sehen, trinken wir einen Tee. Wir wollen auch noch das laotische Geld loswerden. Doch Pech gehabt -hier sind nur noch Dollars und Kambodschageld gefragt. Ein junger Mann stellt sich als Bootsführer vor und nennt uns seinen Preis. Wir schlagen ein, denn handeln geht nicht mehr. Die Rückreise ist uns versperrt durch den Ungültigkeitsstempel und Kambodscha liegt auf der anderen Seite des Flusses. Es nützt alles nichts, wir müssen weiter. Wir schleppen unser Gepäck den lehmigen Steg hinunter zu dem im Wasser tümpelnden Boot. Harry kommt fast ins straucheln und schafft es mit Ach und Krach auf den Füssen zu bleiben. Uns verschafft es Abwechslung vor dem nächsten unberechenbaren Teil der Reise. Wir müssen lachen. Harry kommt ein leises "Arschlöcher" aus dem Mund, was aber nicht weiter schlimm ist. Wir verstauen das Gepäck in einem blechernem Motorboot.
Nicht länger als 20 Minuten dauert die Überfahrt. An einer steilen Böschung macht unser Begleiter das Boot fest. Oben, am Rande taucht ein korpulenter grimmig dreinschauender Zöllner mit Uniformjacke auf, und winkt uns zu sich hinauf. Unsere Mädels und Mauricio dürfen im Boot bleiben. So klettern Harry und ich die steile matschige Böschung nach oben. Schweißüberströmt - dank der heißschwülen Nachmittagshitze - erreichen wir ein freies Plateau am Rande des Dschungels. Der dicke, grimmig dreinschauende Zöllner winkt uns weiter zu einer Hütte. Bis jetzt kam noch kein Wort über seine Lippen und sein Gesicht zeigt nicht die geringste Regung. An der Treppe die zur Zollhütte hinaufführt müssen wir unsere Schuhe ausziehen, steigen die Holzstufen hinauf und treten ein. In einem kleinen, niedrigen, stickig heißen und nur spärlich beleuchteten Raum sitzt unser Zöllner bereits hinter einem spartanischen Schreibtisch. In einem Regal an der Rückwand stehen einige MP`s - Zeugen einer bitteren, gefährlichen, gottverlassenen Gegend. Die Stille, das surren von Moskitos, das klack-klack-klack von Wassertropfen irgendwo, die beschissene Hitze und das reglose Gesicht des Zöllners sind fast unerträglich. Er hält uns eine seiner Pranken entgegen. Nicht um uns die Hand zu schütteln, oh nein, er will nur die Pässe. Er blättert sie durch - von vorne nach hinten - von hinten nach vorne. Schließlich schiebt er uns ein Blatt Papier über den Schreibtisch damit wir unsere Daten notieren können. Der Schweiß rinnt uns in Bächen herab. Es herrscht totenstille und wir glauben, unser Gegenüber ist stumm. Auf einen Papierfetzen schreibt "der Stumme" eine Zahl. Das Papier wandert über den Tisch zu uns und 50 steht da. Wir sehen uns an, und geben dem Zöllner schweigend zu verstehen, dass wir glauben dies gilt für uns alle. Er jedoch zeigt auf jeden von uns und hinaus auf den Fluss. Wir bekommen bestätigt was wir ohnehin schon wussten. 50 Dollar für jeden. Wir können natürlich nichts dagegen tun.
Wir sind wie Gefangene in einer fremden Welt.
Wir zahlen und schwitzen. Noch immer ist kein einziges Wort gefallen. Er nimmt die Pässe und das Geld. Wir glauben ein leichtes Grinsen um seine Mundwinkel zu erkennen. Kein Wunder , ist doch der Verdienst für die paar Minuten bei Gott nicht so schlecht. Das Pum, Pum, Pum durchbricht die Stille, die Stempel sind drin. Er wirft uns die Pässe hin, dreht sich um und starrt zum Fenster hinaus. Wir überlegen kurz, ob wir die Zeremonie im Bild festhalten sollen. Entscheiden uns dann aber, dass wir uns besser verziehen. Wir sind sehr froh diesen Ort verlassen zu können. Endlich im Boot, starten wir sofort zum letzten Teil der ungewissen Reise. Es ist spät geworden und der Bootsführer erklärt uns noch, dass die Dollars Schutzgeld sind für die Zöllner und die mit ihnen kooperierenden Piraten. Es sollte also nichts mehr schief gehen. Mauricio schläft ein. Wir gleiten vorbei an einer traumhaften Landschaft. Durch Wälder, die meterhoch überschwemmt, im Mekong stehen .Umfahren gefährliche Stromschnellen und Baumstämme , die fast unsichtbar in den braunen Wassermassen tümpeln und erreichen kurz vor der Dämmerung die erste zivilisierte Stadt in Kambodscha " Stung Treng". Kaputt, abgekämpft und total verdreckt laden wir aus und machen uns auf die Suche nach einem Zimmer.
Am Abend , bei kambodschanischem Essen und einem relativ kühlen Bier lassen wir den Tag Revue passieren. Wir müssen uns eingestehen, dass der Tag fantastisch, und lange nicht so kompliziert und schwierig war wie wir dachten. Am nächsten Tag sollte es mit einem Passagierschiff weiter gehen in Richtung Phnom Penh . Auch ab Stung Treng sollen die Überlandstrassen immer noch viel zu gefährlich und nicht gerade ratsam sein, sodass sogar Einheimische den Mekong bevorzugen. Aber zur freudigen Überraschung , laden uns Harry und Petra zum Flug in die Hauptstadt ein. (Geburtstagsgeschenk).
Da es in der Stadt keine Taxis gibt, ich glaube fast einzigartig auf der Welt, will uns der Chef des Hotels zum Flughafen bringen. Abflug nächster morgen um 11 Uhr. So stehen wir am nächsten Tag vor dem Hotel und warten auf unseren chinesischen Wirt, der eines der wenigen Autos in dieser Stadt am Ende der Welt besitzt. Es ist 10 Uhr vorbei, doch er lässt sich nicht blicken. Wir fragen im Hotel bei einem Familienangehörigen nach was los ist. Doch außer einem lächeln gibt er uns keine Antwort. Na , denken wir, dass wird ja lustig. Kein Taxi, kein Chef, keine Verständigung. Englisch spricht hier nämlich keiner und die Zeit vergeht schneller als uns lieb ist. Endlich taucht der Chef persönlich auf und lächelt wie fast alle hier ... gestikuliert mit den Armen, deutet zum Himmel und erklärt damit dass der Flieger noch weit entfernt ist. Was wir zu dieser Zeit noch nicht wissen ist , dass er uns noch 2 Stunden in der Mittagshitze stehen lässt. Erst lange nach 12 Uhr Mittag kommt er wieder um uns abzuholen. Er bringt uns an den Rand der Stadt . Eine Baracke, ein Tower aus Holz und eine Landebahn warten auf uns. Weiterhin ist Geduld gefragt , bis endlich ein dröhnen und entferntes Toc Toc Toc den Flieger ankündigt. Eine Propellermaschine aus russischen Militärbeständen setzt hart auf der Schotterpiste auf und bleibt mit kreischenden Bremsen nicht weit von uns entfernt stehen.
Es wird aus- und eingeladen , in einem wilden durcheinander von Kisten, Körben und Hühnern. Auch eine Ziege ist dabei. Man winkt uns heran um einzusteigen. Die Tickets werden kontrolliert und einzeln steigen wir eine rostige Leiter hinauf um geduckt auf unsere Plätze zu gelangen. Das Innere der Maschine hat einen herrlich -russischen Flair. "Weiße" Spitzendecken hängen über den Kopflehnen. Die Stühle sind eng und schmal, die Polsterung aufgerissen, die Armlehnen verrostet. Die Anschnallgurte sind ausgefranst und haken wenn , dann nur durch Zufall ein. Die Gepäckablage über uns sieht aus wie in einem alten Bus. Das herabklappbare Tischchen hält - wenn man es hält - und der Teppichboden liegt in Einzelteilen zusammengeschoben in dicken Wülsten unter uns. Noch vor dem Start zitiert Harry aus dem Reiseführer: Die Fluggesellschaft Royal Air Cambodia gehört zu den schlechtesten, moderatesten und gefährlichsten der Welt!
Auf geht's. Die Motoren laufen an, Schweißperlen bilden sich auf der Stirn der ersten , fast ausschließlich einheimischen Passagiere. Wir rollen hinaus auf die von Pfützen übersäte Startbahn. Die Propeller laufen auf Hochtouren, der Flieger erzittert und wir stürmen vorwärts. Wasserfontänen versperren uns den Blick nach draußen, es rumpelt gewaltig und die ersten Gepäckstücke fliegen auf die Passagiere herab.
Träge, nach ein - zwei Versuchen heben wir ab. Aber dann, noch nicht mal die optimale Flughöhe erreicht, quillt Rauch oberhalb der Gepäckablage heraus. Die Stewardess beginnt Cola und Kuchen auszuteilen. Da sie keine Anzeichen von Panik zeigt, bleiben auch wir relativ ruhig. Der Qalm wird immer stärker. Anna und Mauricio neben mir sind fast nicht mehr zu erkennen. Die Stewardess ist im Rauch total verschwunden. Ein Natur- oder besser gesagt, ein Technik-Schauspiel - das sich später als Russische Air Condition entpuppt. Unter uns eine fantastische Landschaft, mit den gewaltigen Überschwemmungsgebieten des Mekong und dessen Nebenflüssen. Wir durchfliegen Gewitterzonen in denen wir uns vorkommen wie auf einerr Achterbahn. Es haut uns hin und her, wir fallen in Luftlöcher, steigen wieder nach oben und Gepäckstücke prasseln auf uns herab . Angst braucht aber keiner zu vebergen, da man im Rauch so und so niemanden erkennen kann. Am späten Nachmittag erreichen wir , gestärkt vom warmen Cola und trockenem Kuchen, durchgeschüttelt und fast erfroren durch diese ( Aircondition ) die Hauptstadt. Ein Taxi bringt uns langsam, aber fast sicher, durch mit Mopeds vollgestopften Strassen zum Hotel im Herzen der Stadt. Geduscht und umgezogen machen wir uns auf eine kleine Erkundungstour.
Nicht weit vom Hotel, erreichen wir den Boulevard, dem wichtigsten Treffpunkt der Einheimischen, der entlang eines Seitenarms des Mekong führt. Gerade zur Zeit des Sonnenuntergangs ist er überfüllt von Menschen aller Klassen. Kindern, die im trüben, schmutzigen Wasser spielen, Bettlerrn und Krüppeln aus der schlimmsten Ära Kambodschas - der Pol Pot zeit . So schlimm dass es einem die Sprache verschlägt.Es gibt Lotusblumen-Verkäuferinnen in der Nähe von kleinen bhudistischen Gebetsstätten und Verkaufsstände die alles verkaufen , was das europäische Herz nicht begehrt.Wir schlendern hindurch durch das Treiben einer anderen Welt. Plötzlich bleibt Harry stehen, zeigt mit dem Finger und ruft zu mir: "Herbert, schau her, hier sind sie - die Vogelspinnen, die du gesucht hast!" Ich laufe zu ihm. Anna und Mauricio folgen mir. Petra schaut schon ganz skeptisch. Tatsächlich, da sind sie! Frauen kauern am Boden, vor ihnen auf Kübeln große Teller mit Bergen von gerösteten Vogelspinnen. Welche Überraschung, dass es sie hier gibt. Gelesen hab ich von einem Dorf ca. 100 km nördlich von Phnom Penh . Die Spezialität des Dorfes sind geröstete Vogelspinnen. 100.000 davon müssen dort vorkommen. Gesucht werden sie in Erdlöchern rund um die Stadt. Sie werden geröstet und auf der Straße als Delikatesse verkauft. Unbedingt wollte ich während der Kambodscha Reise die Stadt Skun besuchen. Doch ich machte die Rechnung ohne meine Frau.
Spinnen - gar noch Vogelspinnen -
und Anna, das schlimmste was passieren kann. Nie im Leben bringst du mich dort hin, sagte sie immer wieder. Ja, und wie es im Leben so geht, kamen sie nun zu mir. Während ich noch Gedankenverloren die Teller bestaune, hebt eine der Mamis ein Teller vom Kübel und fasst hinein. Das ist ja der helle Wahnsinn ! Der Kübel ist halbvoll mit lebenden Spinnen. Langsam krabbeln sie über die alte, lederne Haut der Frau, herauf , auf den Kübelrand. Ein schauderhafter Anblick, doch ich hocke mich zu ihr. Sie setzt mir eine Spinne auf die Hand und ich beobachte interessiert, wie sie langsam und behäbe den Arm hinauf krabbelt. Meinen Freunden und Anna wird es fast zu viel. Nur Mauricio hat Spass daran. Die Alte setzt die Spinne zurück zu den Artgenossen und macht den Kübel zu. Nun sehe ich erst, welch weiteres Getier sich in nächster Nähe auftürmt: Da gibt es nun neben den Vogelspinnen auch noch Riesenheuschrecken, schwarze Käfer die mich an Mistkäfer erinnern, Kakerlaken und Maden. Wenn schon im Ausland, dann muss man die Delikatessen auch probieren, sag ich zu meinen Freunden. Schaut her, ein richtiges Menü, und fange mit der Vogelspinne an. Eine Ansammlung von Kambodschanern hat sich bereits gebildet um dem Schauspiel beizuwohnen. Ich sitze am Boden und beisse der Spinne die Beine ab. Sie sind dünn und knusprig. Als nächstes kommt der Kopf, dann der Körper. Eigentlich nicht schlecht - ein bißchen wie verbrannter Speck und altes Öl. Ich gönne mir eine zweite, Anna nimmt Mauricio und geht. Als zweiten Gang versuche ich die Heuschrecke, die im Geschmack ähnlich der Spinne ist. Nun kommt der Käfer. Die Beine müssen ungenießbar sein, denn die Alte reißt sie vorher aus. Über diesen Geschmack lässt sich, nun ja streiten. Kakalake lasse ich aus. Die ärgert mich zur genüge auf Gran Canaria, obwohl die hiesigen stattlicher und um einiges größer sind. Bleibt also das Dessert, die Made. Schon der Gedanke ist nicht gerade Appetitanregend. Ich lege mir die Made auf die Zunge, kaue und schlucke sie und möchte ... ja ich möchte wirklich nicht ... oder noch besser überhaupt nicht diesen Geschmack beschreiben. So nehme ich zum Schluss noch eine Vogelspinne um den Geschmack von Gatsch (Dreck) wieder etwas zu neutralisieren. Das Küssen hat mir meine Frau Anna für die nächsten Tage strikt verboten. Eigentlich mit Recht, schwimmen doch noch am nächsten Tag beim Zähneputzen, Spinnenbeine im Waschbecken. Doch egal, denn für mich hat sich das kulinarische Abenteuer gelohnt!
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